Welche Rolle Hormone bei Erschöpfung, Antriebslosigkeit und Therapie-Resistenz spielen können
Bei der männlichen Depression kann statt Traurigkeit Erschöpfung, Antriebslosigkeit; Reizbarkeit oder Aggression und sozialer Rückzug im Vordergrund stehen. Arbeitssucht kann auch ein Hinweis auf eine Depression sein. Daher wird eine Depression bei Männern oft zu spät diagnostiziert. Lesen Sie (klick) hier mehr über die Besonderheiten der Depression beim Mann.
Aber was, wenn Männer eine Psychotherapie machen, Antidepressiva nehmen und intensiv an sich arbeiten und nicht wirklich voran kommen?
Eine mögliche Ursache wurde bisher zu wenig beachtet: der männliche Hormonhaushalt, insbesondere Testosteron.
Neuere Studien zeigen einen signifikanten Zusammenhang zwischen niedrigen Testosteronspiegeln und depressiven Symptomen bei Männern. Zudem weisen systematische Übersichtsarbeiten darauf hin, dass eine Testosterontherapie bei Männern mit nachgewiesenem Testosteronmangel depressive Symptome lindern kann. Die Effekte sind insbesondere bei milden bis moderaten Symptomen konsistent.
Depression beim Mann: Wenn es nicht nur psychisch ist
Testosteron ist weit mehr als ein Sexual- oder Muskelhormon. Es beeinflusst zentrale Prozesse im Körper und Gehirn, darunter:
- Energie und Antrieb
- Motivation und Selbstwirksamkeit
- Stressverarbeitung
- Muskelkraft und Regeneration
- Stimmung und emotionale Stabilität
Sinkt der Testosteronspiegel, können Symptome entstehen, die einer Depression stark ähneln:
- chronische Müdigkeit
- fehlender Antrieb
- emotionale Abflachung
- Konzentrationsprobleme
- Trainingsfrust trotz Bemühung
👉 Wichtig: Das bedeutet nicht, dass die Depression „nur hormonell“ oder „eingebildet“ ist.
👉 Es bedeutet, dass biologische Faktoren psychische Prozesse massiv beeinflussen können.
Testosteronmangel und Depression: ein unterschätzter Zusammenhang
Bei einem Teil der Männer liegt ein medizinisch relevanter Testosteronmangel (Hypogonadismus) vor. In diesen Fällen stößt eine klassische Psychotherapie oft an Grenzen, weil:
- Energie fehlt
- Belastbarkeit eingeschränkt ist
- schlechter Schlaf, nicht erholsam
- Veränderungen kaum umgesetzt werden können
Wird ein echter Testosteron-Mangel gemessen und ausgeglichen, berichten manche Männer von:
- deutlich mehr Energie
- besserem Schlaf
- spürbarem Muskelaufbau
- stabilerer Stimmung
- wachsendem Selbstvertrauen
Das wirkt für Außenstehende manchmal wie ein „Wunder“ – ist aber medizinisch betrachtet die Korrektur eines Hormon-Defizits, keine Stimmungsmanipulation. Mir selbst sind 2 junge Männer bekannt, die eine Hormontherapie durchlaufen. Beide hatten eine moderate Depression. Ich war verwundert, wie sehr sie sich durcch die Hormonersatz-Therapie entwickeln konnten: sowohl mental als auch körperlich.
Was man konkret tun kann
1. Symptome ernst nehmen
Wenn ein Mann trotz Therapie, Bewegung und Lebensveränderungen dauerhaft erschöpft, schlaflos oder schlecht gestimmt bleibt, lohnt sich der Blick auf die körperliche Ebene, insbesondere auf Hormone.
2. Testosteron testen lassen
Die Messung eines Testosteron-Spiegels ist heute unkompliziert und weit verbreitet.
Wichtig für aussagekräftige Ergebnisse:
- Blutabnahme morgens (7–10 Uhr)
- idealerweise mehr als einmal
- Bestimmung von:
- Gesamt-Testosteron
- freiem Testosteron
- evtl. SHBG
- ggf. LH und FSH
👉 Das kann jedes größere Labor durchführen.
3. Welcher Arzt ist der richtige?
In der Praxis zeigt sich:
- Hausärzte fühlen sich oft nicht zuständig
- Psychiater fokussieren verständlicherweise auf die Psyche
- Endokrinologen sind kompetent, aber lange Wartezeiten
👉 Urologen, idealerweise mit Andrologie-Schwerpunkt, sind für viele Männer der pragmatischste Ansprechpartner, wenn es um Testosteron und Männergesundheit geht.
4. Nicht nur den Laborwert betrachten
Ein Wert im „Normbereich“ bedeutet nicht automatisch:
- optimal für diesen einen Mann
- ausreichend für Alltag, Stress und Training
Seriöse ärztliche Begleitung berücksichtigt:
- Symptome und Werte
- Schlaf, Stress, Bewegung
- Begleiterkrankungen
- individuelle Belastung
5. Testosteron ist kein Lifestyle-Hormon und kein Tabu.
Richtig abgeklärt und verantwortungsvoll eingesetzt, kann es für manche Männer lebensverändernd sein.
📚 Wissenschaftliche Studien zu Testosteron & Depression
Studie 1: Zusammenhang zwischen niedrigem Testosteron und Depression
Almeida, O. P., Yeap, B. B., Hankey, G. J., Jamrozik, K., & Flicker, L. (2008).
Low free testosterone concentration as a potentially treatable cause of depressive symptoms in older men.
Archives of General Psychiatry, 65(3), 283–289.
https://doi.org/10.1001/archgenpsychiatry.2007.33
➡️ Kernaussage:
Niedrige freie Testosteronspiegel waren signifikant mit depressiven Symptomen assoziiert. Männer im niedrigsten Quintil hatten ein deutlich erhöhtes Depressionsrisiko.
Studie 2: Testosterontherapie und depressive Symptome (Review / Meta-Ebene)
Walther, A., Breidenstein, J., & Miller, R. (2019).
Association of testosterone treatment with alleviation of depressive symptoms in men: A systematic review and meta-analysis.
JAMA Psychiatry, 76(1), 31–40.
https://doi.org/10.1001/jamapsychiatry.2018.2734
➡️ Kernaussage:
Die Meta-Analyse zeigte, dass eine Testosteronbehandlung mit einer signifikanten Reduktion depressiver Symptome assoziiert war – insbesondere bei Männern mit niedrigem Ausgangs-Testosteron.
Studie 3: Testosteron und Depression
Zarrouf, F. A., Artz, S., Griffith, J., Sirbu, C., & Kommor, M. (2009).
Testosterone and depression: Systematic review and meta-analysis.
Journal of Psychiatric Practice, 15(4), 289–305.
https://doi.org/10.1097/01.pra.0000358315.88931.fc
➡️ Kernaussage:
Testosteron zeigte in mehreren Studien einen antidepressiven Effekt, insbesondere bei Männern mit Hypogonadismus.
Eine Depression ist eine ernstzunehmende Erkrankung und keine Schande. Sprechen Sie mit Ihrer Familie darüber und gehen Sie zu Ihrem Hausarzt.