Wenn der Atem wieder spürbar wird
Depressive Phasen verändern nicht nur unsere Stimmung und unsere Gedanken. Häufig verändert sich auch das körperliche Erleben: Menschen fühlen sich erschöpft, angespannt oder innerlich wie abgeschnitten von sich selbst. Manche bemerken, dass ihre Atmung flacher oder unruhiger geworden ist; andere nehmen ihren Atem kaum noch wahr.
Hier kann Atemarbeit einen besonderen Zugang eröffnen: über den Körper.
Als klinische Atemtherapeutin beschäftige ich mich seit vielen Jahren mit den Zusammenhängen von Atmung, Körperwahrnehmung, Stress, emotionalem Erleben und dem autonomen Nervensystem. Dabei geht es nicht darum, Depressionen „wegzuatmen“. Atemarbeit kann vielmehr eine sinnvolle ergänzende Unterstützung sein: insbesondere dann, wenn der Zugang zum eigenen Körper wieder stärker werden soll.
Was hat der Atem mit unserer psychischen Verfassung zu tun?
Atmung und emotionales Erleben stehen in enger Wechselwirkung. Unsere Atmung verändert sich mit Anspannung, Angst, Aufregung, sowie Freude und Entspannung. Gleichzeitig kann die bewusst wahrgenommene und gezielt regulierte Atmung auf körperliche und psychische Prozesse zurückwirken.
Die Atmung nimmt dabei eine besondere Stellung ein: Sie geschieht weitgehend automatisch; aber sie kann zugleich bewusst beeinflusst werden. Dadurch bietet sie einen unmittelbaren Zugang zu unserer Regulationsfähigkeit.
In meiner Arbeit mit Menschen interessiert mich deshalb nicht nur die einzelne Atemtechnik, sondern vor allem die Frage:
Was geschieht mit einem Menschen, wenn er seinen Atem wieder wahrnimmt und einen anderen Zugang zu seinem Körper entwickelt?
Atemarbeit bei Depressionen – was sie unterstützen kann
Atemarbeit ersetzt keine notwendige medizinische oder psychotherapeutische Behandlung einer Depression. Sie kann jedoch als körperorientierte Ergänzung eingesetzt werden.
Mögliche Ansatzpunkte sind:
- Stress und innere Anspannung: Bewusstes und reguliertes Atmen kann helfen, körperliche Anspannung wahrzunehmen und den Umgang damit zu verändern.
- Körperwahrnehmung: Gerade wenn Menschen sich in einer depressiven Phase innerlich zurückgezogen oder von ihrem Körper entfremdet erleben, kann die bewusste Wahrnehmung des Atems einen behutsamen Zugang schaffen.
- Umgang mit belastenden Zuständen: Atem- und Körperübungen können dabei unterstützen, Veränderungen des eigenen Erlebens früher wahrzunehmen und individuelle Möglichkeiten der Regulation zu entwickeln.
- Ruhe und Erholung: Bestimmte langsamere Atemweisen können bei manchen Menschen zur Entspannung beitragen.
- Selbstwirksamkeit: Das Erleben, über den eigenen Atem bewusst Einfluss auf das körperliche Erleben nehmen zu können, kann eine wichtige Erfahrung sein.
Dabei gilt: Nicht jede Atemtechnik ist für jeden Menschen und jede Situation gleichermaßen geeignet. Deshalb steht in meiner Arbeit nicht das Erlernen möglichst vieler Übungen im Vordergrund, sondern die individuelle Auswahl und dosierte Anwendung.
Atem und autonomes Nervensystem
Ein wichtiger Teil meiner fachlichen Arbeit ist die Auseinandersetzung mit dem autonomen Nervensystem und seiner Bedeutung für Stress und Regulation.
Das autonome Nervensystem steuert zahlreiche lebenswichtige Körperfunktionen und reagiert auf innere und äußere Anforderungen. Atmung, Herz-Kreislauf-System, Aufmerksamkeit und körperliches Erleben stehen dabei in komplexen Wechselwirkungen.
Gerade deshalb ist Atemarbeit für mich mehr als eine Entspannungsmethode.
Der Atem kann ein Zugang sein, um körperliche Zustände wahrzunehmen, Veränderungen zu bemerken und neue Formen der Regulation zu erproben.
Meine langjährige klinische Erfahrung verbinde ich mit meiner Beschäftigung mit aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und fachlichen Diskussionen über Atmung, Stressregulation und das autonome Nervensystem. Hierzu gehört auch die neuere Polyvagal-Arbeit, also die direkte Arbeit am autonomen Nervensystem.
Was sagt die Forschung?
Die wissenschaftliche Forschung zu Atemarbeit und psychischer Gesundheit hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen.
Eine Meta-Analyse randomisierter kontrollierter Studien aus dem Jahr 2023 untersuchte verschiedene Breathwork-Interventionen. Dabei zeigten sich kleine bis mittlere Effekte auf subjektiven Stress, Angst und depressive Symptome. Die Autoren betonen zugleich, dass die Ergebnisse differenziert betrachtet werden müssen und weitere hochwertige Forschung notwendig ist. (PubMed)
Eine systematische Übersichtsarbeit von 2023 zu Atemübungen bei Stress und Angst wertete 58 geeignete Studien aus. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass bestimmte Formen regulierter Atmung zur Verringerung von Stress- und Angstsymptomen beitragen können. Dabei spielten unter anderem die konkrete Atemtechnik, die Dauer und die wiederholte Anwendung eine Rolle. (PubMed)
Auch die Forschung zu Pranayama, also traditionellen yogischen Atemtechniken, ist inzwischen umfangreicher geworden. Eine 2025 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse fand Hinweise auf kurzfristige Effekte bei der allgemeinen Symptomschwere psychischer Erkrankungen, jedoch keinen signifikanten Effekt auf Depression als separates Ergebnis. Die Autoren weisen außerdem auf die begrenzte Studienzahl und teilweise hohe Risiken für Verzerrungen hin. Pranayama sollte deshalb nicht als Ersatz für etablierte Therapien verstanden werden. (PubMed)
Für mich bedeutet wissenschaftliches Arbeiten deshalb auch, Möglichkeiten und Grenzen der Atemarbeit gleichermaßen ernst zu nehmen.
Atemarbeit ist keine Technik nach Schema F
Ich arbeite nicht mit einem festen Atemprogramm.
Meine Erfahrung aus der klinischen Atemtherapie, der Neurologie, Qigong, Körperarbeit und Psychotherapie hat mich vielmehr gelehrt, sehr genau hinzuschauen: Wie atmet ein Mensch? Wie erlebt er seinen Körper? Wie reagiert er auf Anspannung, Ruhe, Bewegung oder eine bestimmte Atemanweisung?
Manchmal ist eine sanfte Atemwahrnehmung sinnvoll, manchmal die Arbeit mit Bildern (indirekte Atemarbeit). Manchmal eine bestimmte Atembewegung oder eine Verbindung von Atmung und Bewegung. In anderen Situationen kann es wichtiger sein, zunächst überhaupt wieder einen sicheren Zugang zum eigenen Körper zu entwickeln.
Die Methode folgt dem Menschen – nicht der Mensch der Methode.
Meine langjährige Erfahrung mit Atemtraditionen
Mein Wissen über Atemarbeit ist aus unterschiedlichen Quellen gewachsen.
Neben meiner 36 jährigen klinischen Ausbildung und Tätigkeit als Atemtherapeutin beschäftige ich mich seit vielen Jahrzehnten mit Atemtechniken verschiedener Kulturen. Dazu gehören auch Atemübungen aus dem tibetischen Yoga sowie Atem- und Körperpraktiken, die in unterschiedlichen Traditionen überliefert wurden.
Diese Erfahrungen verstehe ich nicht als ein festes weltanschauliches System. Mich interessiert vielmehr, wie sich Elemente unterschiedliche Traditionen verantwortungsvoll in eine moderne körperorientierte Arbeit integrieren lassen.
Atemarbeit und Psychotherapie
Bei depressiven Beschwerden und Burnout kann Atemarbeit eine psychotherapeutische Begleitung sinnvoll ergänzen.
Atemwahrnehmung, Körperarbeit und psychotherapeutische Prozesse können miteinander verbunden werden.
Gleichzeitig ist mir eine klare Einordnung wichtig: Bei einer Depression kann eine professionelle psychotherapeutische und gegebenenfalls ärztliche Behandlung erforderlich sein. Atemarbeit versteht sich hier als ergänzender körperorientierter Ansatz und nicht als Ersatz für eine notwendige Behandlung.
Mein Ansatz
Meine Atemarbeit verbindet:
klinische Atemtherapie · langjährige Qigong-Praxis · Körperarbeit · Atemtechniken verschiedener Kulturen · tibetische Atemübungen · Stressregulation · autonomes Nervensystem · psychotherapeutische Erfahrung · individuelle Methodenwahl
1:1-Begleitung
Meine Arbeit findet überwiegend im individuellen 1:1-Setting statt.
Ich nehme mir Zeit, Ihre Situation zunächst genau zu verstehen. Daraus entwickeln wir gemeinsam einen passenden therapeutischen oder coachenden Ansatz, genau auf Ihre Situation zugeschnitten. Methoden werden dabei nicht isoliert eingesetzt, sondern können – wenn es fachlich sinnvoll ist – miteinander verbunden werden.
Psychotherapie · Coaching · IFS · systemische Arbeit · Atemarbeit · Körperarbeit · Qigong
Diese Verbindung aus langjähriger klinischer Erfahrung, psychotherapeutischer Kompetenz und körperorientiertem Erfahrungswissen bildet den Kern meiner Arbeit.
Nach mehr als drei Jahrzehnten klinischer und therapeutischer Arbeit steht für mich dabei eine Erfahrung im Mittelpunkt:
Der Atem muss nicht „richtig“ gemacht werden. Zuerst geht es darum, ihn wahrzunehmen. Das ist eine Grundlage, um das autonome Nervensystem aus der Überlastungsreaktion heraus zu führen.
Meine langjährige klinische Erfahrung ermöglicht es, auch körperliche und nonverbale Aspekte wahrzunehmen, die in einem rein gesprächsorientierten Setting leicht übersehen werden können. So entsteht über die körperliche Entlastung manchmal eine tiefe Entspannung und Neuprogrammierung des Nervensystems.
Von dort kann ein individueller Weg beginnen: zu mehr Körperwahrnehmung, einem differenzierteren Umgang mit Erholung und einem besseren Verständnis der eigenen inneren Prozesse.
Ich arbeite interdisziplinär.
Meine berufliche Erfahrung verbindet Psychologie, Philosophie, klinische Neurologie, Atem- und Körpertherapie, Qigong und Psychotherapie. Dadurch betrachte ich ein Anliegen nicht nur aus einer Perspektive. Gemeinsam mit meinen Kunden fragen wir danach, wie psychische Prozesse, körperliches Erleben, Lebensgeschichte, Beziehungen und persönliche Überzeugungen miteinander verbunden sind.
Wissenschaftliche Literatur und weiterführende Quellen
Fincham, G. W., Strauss, C., Montero-Marin, J. & Cavanagh, K. (2023). Effect of breathwork on stress and mental health: A meta-analysis of randomised-controlled trials. Scientific Reports, 13, 432. (PubMed)
Bentley, T. G. et al. (2023). Breathing Practices for Stress and Anxiety Reduction: Conceptual Framework of Implementation Guidelines Based on a Systematic Review of the Published Literature. Brain Sciences, 13(12), 1612. (PubMed)
Mütze, C., Mitzinger, D. & Haller, H. (2025). Effectiveness of pranayama for mental disorders: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Frontiers in Psychiatry. (PubMed)