Immer mehr junge Männer leiden unter Depressionen – und oft merkt es niemand. Sie funktionieren weiter, versuchen stark zu sein, statt sich Hilfe zu holen. Laut einer Studie des Robert Koch-Instituts stieg die Zahl der Betroffenen (12-Monats-Prävalenz) bei Menschen unter 40 in wenigen Jahren von 4,9 % auf 8,7 %. Das sind allein in Deutschland nach meiner Schätzung circa 1,5 Millionen Männer mehr als zuvor. Das ist eine erschreckende Entwicklung.
Noch beunruhigender ist: Depressionen bei Männern werden nicht immer erkannt. Sie sehen oft anders aus als bei Frauen. Depressive Männer sind eher aggressiv, gereizt, innerlich leer. Sie sprechen nicht darüber. Sie schweigen, ziehen sich zurück, kämpfen allein.
Die Suizidrate ist bei Männern deutlich höher. Warum? Weil Hilfe suchen als Schwäche gilt.
Was macht junge Männer heute krank?
- Der Druck, stark zu sein
Männer stehen häufig unter dem gesellschaftlichen Druck, „funktionieren“ zu müssen: emotional kontrolliert, leistungsstark, erfolgreich. Viele junge Männer versuchen, dieses Ideal zu erfüllen. Sie zahlen zu oft dafür mit ihrer psychischen Gesundheit. - Isolation statt Austausch
„Ich rede nicht drüber. Ich löse es selbst.“ Diesen Satz höre ich oft von meinen männlichen Klienten. Doch dieses Verhalten führt oft in die Isolation. - Stress, Erschöpfung, Burnout
Der Druck im Beruf, Existenzängste, der ständige Vergleich mit anderen – all das zermürbt. Viele Männer brennen aus, sind erschöpft, gereizt: Weder Sie, noch die Angehörigen und erkennen, dass sie in einer Depression stecken. - Keine Sprache für Gefühle
Viele Männer lernen nie, wie sie über Gefühle sprechen können – oder überhaupt, sie zu spüren. Denn: Gefühle wohnen nicht im Kopf. Sie wohnen im Körper.
Wie Therapie helfen kann; ein neuer Ansatz für Männer
Ein Weg, der besonders für Männer hilfreich sein kann, ist die Arbeit mit dem Inneren Familiensystem (IFS). Diese Methode wurde von Dr. Richard Schwartz entwickelt und geht davon aus, dass unsere Psyche aus verschiedenen inneren Anteilen besteht: z. B. einem inneren Kritiker, einem verletzten Kind, einem Wütenden oder einem Getriebenen.
Warum besonders die Inner-Family-System-Methode hilft:
- Alle Teile sind willkommen – auch die „unangenehmen“
IFS sagt nicht: „Weg mit der Wut.“ Sondern: „Lass uns schauen, was dahintersteckt.“ Gerade Männer erleben häufig, dass sie ihre Gefühle verdrängen mussten – IFS hilft dabei, diese Anteile wieder zu integrieren. - Gefühle spüren statt nur reden
Besonders Männer empfinden körperliche Übungen als wohltuend. Weil sie über den Körper Zugang zu ihren Gefühlen finden. Denn: Emotionen zeigen sich oft zuerst als körperliche Empfindungen – nicht als Gedanken. - Selbstmitgefühl entwickeln
Ein häufiger Satz in der Therapie: „Ich bin nicht gut genug.“ Sie lernen, mit sich selbst freundlicher umzugehen. Das ist kein „Soft-Kram“, sondern essenziell für Heilung. - Innere Konflikte lösen
Viele depressive Symptome entstehen aus einem inneren Kampf: Einerseits will man etwas leisten, andererseits ist man erschöpft und will nur noch Ruhe. Diese Gegensätze kosten Kraft. In der IFS-Therapie lernen Männer, mit diesen inneren Stimmen in Dialog zu gehen, sie besser zu verstehen und Frieden zu schließen. - Authentisch kommunizieren
Die IFS-Methode hilft, die eigene innere Wahrheit zu finden – und zu äußern. Nicht mehr nur „funktionieren“, sondern problematische Situationen ansprechen, sich selbst fühlen und präsent sein.
Was ich meinen männlichen Klienten sage:
- Eine Depression ist eine ernstzunehmende Erkrankung. Hol dir Hilfe.
- Psychotherapie ist kein schneller Ölwechsel. Sie braucht Zeit.
- Therapie muss nicht nur reden sein – Bewegung, Atmung, Körperausdruck helfen enorm.
- Deine Gefühle sitzen nicht in deinem Kopf – sie sind in deinem Körper.
- Du bist nicht kaputt. Du hast Seiten in dir, die verletzt sind, die gesehen werden wollen.
Fazit: Es braucht neue Wege – und den Mut, sie zu gehen
Depressionen bei jungen Männern nehmen drastisch zu. Aber es gibt wirksame Wege, diesen Entwicklungen zu begegnen. Die IFS-Therapie hilft, innere Konflikte zu erkennen, sich da heraus zu holen, emotionale Tiefe zuzulassen und authentisch zu leben; ohne sich dabei zu verlieren.
Nicht jeder Mensch muss Therapie machen. Lesen Sie hier (klick), warum auch eine Hormonersatz-Therapie mit Testosteron bei Depressionen sinnvoll sein kann. Aber jeder Mann sollte wissen, dass er nicht allein ist; und dass es Hilfe gibt, die ihn als ganzen Menschen sieht. Sprechen Sie ehrlich mit Ihrer Familie und besuchen Sie Ihren Arzt.
Quellen:
- Robert Koch-Institut (2021):
Psychische Gesundheit in Deutschland – 2020. Bericht des Robert Koch-Instituts.
👉 https://www.rki.de - Spektrum der Wissenschaft (2021):
Depressionen bei Männern: Ursachen und Hilfe.
👉 https://www.spektrum.de